Page 30

Willmy Magazin Nr. 8 | Oktober 2015

REPORTAGEPAPIERMANUFAKTUR „Die Menschen treibt es zurück zum Haptischen.“ Dund unverputzt, in den Regalen nagt die Zeit analtemer Holzboden knarzt bei jedem Schritt, die Luftist überraschend kühl und riecht sanft nachStoff. Die Wände in den Werkräumen sind rau altem Werkzeug. Oben, im zweiten Stock, sind die 1960er- Jahre konserviert, in Orange und Petrol. Unten, im Keller, das Zeitalter der Industrialisierung, mit seinen mächtigen Vor dem Schöpfen vermischt Johannes Follmerbaumwolle, Wasser undleim gusseisernen Maschinen. Dazwischen überall Papier und in dereichenbütte.er stellt auch Papiere für dierestaurierung historischerücher her – wie er dabei vorgeht, verrät er nicht.b Pappe: auf Stapeln, an Seilen, in Pressen und Klammern, liegend, hängend. Und wie ein Mantra dringt das Rauschen des Bischbachs, der das Mühlrad antreibt, durch jeden Das Mühlrad: noch immer im Dienst Raum, jedes Jahrzehnt. Nichts hier ist inszeniert, alles ist, Vor dem Fenster der Werkstatt rauscht der Bischbach aus wie es war. Familie Follmer hat in ihrer Papiermühle die einem Rohr in die Tiefe und hält das moosbewachsene Zeiten eingefroren. Jeder Raum erzählt einen Teil der Ge- eiserne Mühlrad in Gang. Früher sorgte es dafür, dass schichte, die 1807 begann, 1975 für mehrere Jahre unter- der „Holländer“ rumpelnd die Rohstoffe zerkleinerte, aus brochen wurde und nun wieder lebendig ist. denen das Papier entstand. Die Maschine zermalmt Platten Wie ein Denkmal aus vergangenen Zeiten thront die aus Baumwolle oder Lumpenreste mit Wasser und Leim Papiermühle der Familie Follmer in Homburg am Main, zu einem Papier-„Urstoff“. Heute kommt der Strom für die einem Ortsteil des unterfränkischen Triefensteins. Ein Maschine aus der Steckdose, erzählt Follmer. Doch nutzlos beeindruckendes Fachwerkgebäude, das viel zu erzählen ist das acht Meter hohe Mühlrad dennoch nicht: Es versorgt hat. Über Papier und über die Familie Follmer – deren Ge- das Museum mit Strom. schichten seit Generationen miteinander verwoben sind. Follmer erzählt mit leiser, sanfter Stimme. Doch noch Auch heute noch, obwohl die Familie den Betrieb 1975 lieber lässt er seine Arbeit für sich sprechen. Denn der einstellte. 20 Jahre später erwachte die Mühle wieder aus 44-Jährige macht Papier, das nicht nur ein Medium für ihrem Dornröschenschlaf – als Museum. Und sogar Papier Sprache ist, sondern selbst etwas zu sagen hat. Dem man wird hier wieder produziert. Keine Massenware, sondern jede Arbeitsstunde anmerkt, die in ihm steckt. Das mal ein Qualitätsprodukt, das Blatt für Blatt entsteht. Johannes weich und samtig ist oder fein strukturiert, mal baumwoll- Follmer schöpft in seiner Werkstatt in der Papierscheune weiß oder mit Blüten durchsetzt. Je nachdem, wie es seine Büttenpapiere, wie es bereits sein Ur-Ur-Großvater getan Kunden wünschen. Gerade fertigt er für einen Kalligra- hat. Per Hand und mit viel Geduld. fen einige Bögen Papier, ein Sonderformat für Urkunden. 30 Willmymagazin | oktober 2015


Willmy Magazin Nr. 8 | Oktober 2015
To see the actual publication please follow the link above